Magischer Papyrus

Demotisch-magischer Papyrus

Kolumne V des demotisch-magischen Papyrus aus dem 3.Jhrd n.Chr. In dieser Kolumne und an anderen Stellen des Papyrus finden sich zum ersten Mal schriftliche Anleitungen zur Induktion von Trance und zur Selbsthypnose mit Hilfe von Fixationsmethoden. Die Texte des Papyrus, die sich auf Tranceinduktionen beziehen, umfassen die Beschreibung der Methode sowie detaillierte Beschwörungsformeln mit den Namen der anzurufenden Gottheiten, über die die Zukunft befragt werden kann. Methoden zur Tranceinduktion werden zum ersten Mal schriftlich im Leidener demotisch-magischen Papyrus beschrieben. Der Papyrus ist in Hieratisch, Demotisch und Griechisch verfaßt. In einigen Teilen geht er vermutlich auf die Zeit um 1500 bis 1000 v.Chr. zurück. Trance wird dem Papyrus zufolge als Zustand verwendet, um zumeist mittels eines Mediums ("ein reiner Knabe") Vorhersagen über die Zukunft zu machen, die Verwendung von Trance zur Heilung von Krankheiten wird nicht erwähnt.

Textbeispiele aus dem Paprus:
Selbsthypnose:
In Kolumne V wird zur Befragung der Zukunft geraten, Weihrauch vor einer Öllampe zu verbrennen und dann eine Lampe zu fixieren, "dann siehst Du den Gott bei der Lampe und Du legst Dich auf eine Binsenmatte, ohne zu irgendeinem auf der Welt zu sprechen. Dann wird er Dir im Traum antworten (Griffith & Thompson, 1974, S.45; unsere Übersetzung 1))."
Hypnose eines Mediums:

"Tete-Ik-Tatak u.s.w. Möchte mir Antwort auf alles, was ich fragen werde, zu teil werden, sofort! Denn ich bin Horus, das Kind des Mendes, denn ich bin Isis, die Wissende. Was ich mit meinem Munde sage, das geschieht. Sieben Mal (dies) zu sprechen. Nachdem Du ein neues Gefäß herbeigebracht hast, thue einen frischen Docht in dasselbe, der aus dem Tempel herrührt......laß den Knaben zwischen Deinen beiden Füßen stehen. Dann sage den oben niedergeschriebenen Spruch über den Knaben her, wobei dein Auge auf den Spiegel seines Auges gerichtet sei (Brugsch, o.J., S.50 2))."
An anderer Stelle (Kolumne XVII) wird ebenfalls bei einer Fixationsinduktion besonders darauf hingewiesen, den Knaben zu veranlassen, die Fixation aufrecht zu erhalten:
"Laß ihn nirgendwo anders hinblicken, nur allein auf die Lampe. (Griffith & Thompson, 1974, S.117; unsere Übersetzung 1))."

Der im Papyrus erwähnte schakalhäuptige Gott Anubis begleitet die Toten in die Unterwelt und überwacht die mit dem Tod verbundenen Rituale.

 

Ein dämmriges Dunkel liegt über Men-nofer oder Memphis, wie die Griechen die Hauptstadt des alten Ägypten nannten. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen und deutet sich nur schwach hinter der Bergkette in der Wüste an. Alles ist ruhig, bis auf einige Wasservögel im Schilf unten am Nil, wo in der Kühle der Dämmerung die großen Barken aus Abydos und Siut liegen, gefüllt mit den Handelswaren aus Nubien und dem Weihrauchland Punt. Ein Mann und Knabe tauchen aus einer der Gassen in der Nähe des Hafens auf und gehen schweigend an den dichtgedrängten Häusern des Hafenviertels, auf deren Schwellen noch die Sklaven schlafen, heraus aus der Stadt durch die Gärten in Richtung Wüste. Sie betreten eine Hütte mit einem Fenster, durch das bei Sonnenaufgang die Sonne scheinen wird. Der Mann bemalt mit einer besonderen Farbe die Augenlider des Knaben, der noch keinen Umgang mit einer Frau haben durfte, stellt ihn auf einen neuen Ziegelstein und legt hinter ihn ein neues, sauberes Leinentuch. Nun befiehlt der Mann dem Knaben, auf die Stelle zu schauen, wo die Sonne gleich erscheinen wird. Als der Blick des Knaben wandert, ermahnt er ihn, die Stelle genau zu fixieren. Später streicht er dem Knaben mit dem "Ra-Finger", dem Sonnenfinger, über die Augen. Während der Knabe die Augen geschlossen hat, spricht der Mann siebenmal eine Anrufung und weist den Knaben an:"Sprich zu Anubis und sage ihm: ‚Bringe einen Tisch für die Götter und lasse sie sich setzen." Danach bittet er Anubis, den schwarzhäutigen, schakalköpfigen Balsamier­gott, mit Vermittlung des Knaben um eine Befragung der Götter über die Zukunft.  

So ähnlich mögen sich derartige Szenen im alten Ägypten abgespielt haben, wenn einen Viehändler nach einer Seuche die Angst vor der Zukunft befiel, ein Feldherr sich um die Chancen bei einer bevorstehenden kriegerischen Auseinandersetzung sorgte oder ein hoher Priester des Amon sich nicht über die richtige politische Entscheidung im klaren war. Bei dieser Darstellung haben wir uns auf den Demotisch-Magischen Papyrus (ein Teil ist im Besitz der Universität Leiden, der andere im Besitz des Britischen Museums, London) aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert bezogen 1), der vermutlich teilweise auf noch ältere Quellen aus der der Zeit der 18.-20. Dynastie (um 1500 -1000 v.Chr.) zurückgeht. 3) In diesem Papyrus finden wir die ersten schriftlichen Anweisungen zum Erzeugen eines Trancezustandes, der hier verwendet wird, um über ein Medium (einen reinen Knaben) in Kontakt mit einer übernatürlichen Macht zu treten - mit der Welt der Götter und Dämonen -, die einen Blickin die Zukunft bzw. eine Beeinflussung des eigenen Schicksals ermöglichen soll. Hier finden sich auch Anweisungen zur Selbsthypnose über das Fixieren einer Öllampe und der Hinweis, daß man bei Verwendung eines Mediums darauf achten solle, daß es geeignet oder, d.h. vermutlich suggestibel ist.
Im magischen Papyrus wird die Trance als eine Bewußtseinslage verstanden, aus der ein Blick in die Zukunft möglich ist. An keiner Stelle findet man eine Tranceinduktion für therapeutische Zwecke. Sofern überhaupt Bezug auf die Heilung von Krankheiten genommen wird, werden Beschwörungsformeln oder exotische Arzneien empfohlen (z.B. um Blutfluß zum Stillstand zu bringen, wird die Einnahme von Mhyrre, Knoblauch und Gazellengalle, die mit altem, wohlriechenden Wein vermischt werden, empfohlen).

Literatur:1) Griffith, F.L. & Thompson, H. (1974). The Leyden Papyrus. New York: Dover.2) Brugsch, H. (1893). Aus dem Morgenlande. Leipzig: Reclams Universalbibliothek, Nr. 3151-52, 43-53.3) Max Müller, 1886, zitiert in Griffith & Thompson (1974).

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