Gassner

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts erregte der Priester Johann Joseph Gassner (1727-1779) großes Aufsehen mit seinen exorzistischen Heilungen. Auf dieser zeitgenössischen Darstellung sehen wir Gassner im Schloß Meersburg (Bodensee) bei der Austreibung eines

Die Geschichte der modernen Hypnose beginnt zwar mit dem animalischen Magnetismus Franz Anton Mesmers (1734-1815), aber ein wichtiger Zeitgenosse Mesmers sollte dabei nicht vergessen werden, nämlich der "Teufelsbanner" Johann Joseph Gassner (1727-1779), dessen Heilung durch Exorzismus ähnliche Phänomene produzierte wie die magnetische Heilung bei den Patienten Mesmers.
Gassner arbeitete 1758 zunächst als Landpfarrer in Klösterle, einem kleinen Dorf in der Ostschweiz. Einige Jahre später befielen ihn häufig heftige Kopfschmerzen und Schwindelanfälle, insbesondere vor der Predigt, vor dem Gottesdienst oder wenn er die Beichte abnehmen sollte. Dieser Umstand erregte bei ihm den Verdacht, daß diese Störungen durch den Teufel bewirkt würden. Um seiner Beschwerden Herr zu werden, bekämpfte er sie mit den Exorzismus-Riten der katholischen Kirche und hatte damit Erfolg; seine Beschwerden verschwanden. In der Folgezeit begann er kranken Menschen mit Exorzismusgebeten zu helfen, und dies mit so erstaunlichem Erfolg, daß er Zulauf aus allen Himmelsrichtungen und Bevölkerungsschichten bekam. Das Aufsehen, das er erregte, war so groß, daß sich später sogar der Papst mit dem Fall beschäftigen mußte. Schauen wir einmal bei einer seiner exorzistischen Sitzungten zu, wie sie in einem Brief des Abbé Bourgois beschrieben wird, der im "Archiv für thierischen Magnetismus" 1820 wiedergegeben wurde. "Die ersten Patienten waren zwei Nonnen, die wegen ihrer Krampfanfälle genötigt gewesen waren, ihr Kloster zu verlassen. Gassner gebot der ersten, vor ihm niederzuknien, fragte sie kurz nach ihrem Namen, ihrer Krankheit und ob sie damit einverstanden sei, daß alles geschehen solle, was er befehlen werde. Sie stimmte zu. Nun sprach Gassner feierlich auf lateinisch:>Wenn in dieser Krankheit etwas Unnatürliches ist, so befehle ich im Namen Jesu, daß es sich sogleich wieder zeigen solle.< Die Patientin bekam sogleich Krämpfe. Nach Gassner war dies ein Beweis dafür, daß die Krämpfe von einem bösen Geist hervorgerufen wurden und nicht durch eine natürliche Krankheit. Nun ging er dazu über, zu demonstrieren, daß er Macht über den Dämon habe. Er befahl auf lateinisch, in verschiedenen Körperteilen der Patientin Krämpfe hervorzubringen; er rief nacheinander die äußeren Erscheinungsbilder von Trauer, Albernheit, Gewissenszweifeln, Wut usw. hervor und sogar das ‚Bild des Todes'. Alle seine Befehle wurden pünktlich ausgeführt. Es erschien nun folgerichtig, daß es, sobald ein Dämon so weit gezähmt war, relativ einfach sein mußte, ihn auszutreiben, was Gassner auch tat. Dann verfuhr er mit der zweiten Nonne auf die gleiche Weise."

Gassner beim Exorzismus.


Seine plötzliche Berühmtheit verschaffte Gassner verschiedene Einladungen. So reiste er unter anderem an den Bodensee, wo er große Erfolge in Salem und in Meersburg hatte, allerdings ohne das Wohlwollen des Bischofs von Konstanz zu gewinnen. In der Tat wurde in "aufgeklärten" Kreisen der katholischen Kirche die breite Wirkung Gassners mit Unbehagen betrachtet. Man befand sich in der Zeit der "Aufklärung", die nach vernünftigen Erklärungen suchte und übernatürlichen Erklärungsansätzen ablehnend gegenüberstand.
Im Spätherbst 1775 setzte der bayrische Kurfürst Max Joseph eine Kommission zur Untersuchung der exorzistischen Praktiken ein. Unter anderem wurde auch Franz Anton Mesmer eingeladen, der Aufsehen mit der Entdeckung einer neuen Form von Energie erregte, die er den tierischen oder animalischen (d.h. den belebten Organismus betreffenden) Magnetismus nannte. Eine ungünstige Verteilung der magnetischen Energie im menschlichen Körper verursache die verschiedensten Krankheiten, und nur durch eine gleichmäßige Neuverteilung könne die Krankheit beseitigt werden. Die Neuverteilung der magnetischen Energie erfolge, indem der Magnetiseur mit den Händen über den Körper des Kranken streicht. Die magnetische Umverteilung zeige sich in der sogenannten "Krise", die sich in Zuckungen und Krämpfen des Körpers ausdrücke.
Es bedeutete einen Sieg der aufgeklärten Kreise über die eher religionsgebundenen traditionellen Kreise, die Gassner zugetan waren, als Mesmer am 23. November 1775 der Kommission demonstrieren konnte, daß die Krämpfe und Zuckungen der Exorzismen Gassners allein durch den "animalischen Magnetismus" erzeugbar waren. Es schien also gar kein Teufel im Spiel zu sein, sondern eine quasi-physikalische Kraft, das heißt eine (scheinbar) wissenschaftlich faßbare Form von Energie. Mesmer erklärte denn auch, daß Gassner über den tierischen Magnetismus heile und seine Erfolge fälschlicherweise dem exorzistischen Ritual zuschreibe. Während Gassner auf Weisung des Regensburger Fürstbischofs (auf Drängen des Kaisers und des Papstes) seine exorzistische Praxis stark einschränken mußte und den Exorzismus nur noch bei Patienten einsetzte, wenn sie von Geistlichen geschickt wurden, begann die Epoche des "animalischen Magnetismus" und die Karriere Mesmers als "magnetischer" Heiler.

Literatur:
1) Einige Briefe des Abts Bourgeois an seinen Bruder in Luxemburg (1820). In: von Eschenmayer, E.A., Kieser, D.G. & Nees von Esenbeck, C.G. (Hrsg.). Archiv für den tierischen Magnetismus, 8 (1. Stück), 87 - 99.

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