Charcot

Um 1880 begann der berühmte französische Neurologe Jean-Martin Charcot (1825-1893) mit seinen Hypnoseuntersuchungen an hysterischen Patientinnen.

Jean-Martin Charcot (1825-1893) war in den Jahren von 1870 bis 1893 wohl der berühmteste Neurologe seiner Zeit, aus dessen "Schule" bekannte Neurologen wie Babinski, Gilles de la Tourette, Paul Richer, Meige etc. hervorgingen. Er unterrichtete, forschte und behandelte an der Salpetrière in Paris, einem großen Krankenhaus aus dem 17. Jhrd. Zur Demonstration der Unterscheidung von "traumatischen" Lähmungen (heute als funktionelle oder konversionsneurotische Störungen verstanden) und Lähmungen, die auf Läsionen des Nervensystems beruhten, setzte er Hypnose ein 1). Damit konnte er zeigen, daß derartige Lähmungen in hypnotischer Trance suggestiv zum Verschwinden gebracht wurden bzw. in Hypnose suggerierte Lähmungen die gleichen Symptome aufwiesen wie die "traumatischen" Lähmungen der Patienten (Diese Annahme Charcots läßt sich mit den heute zur Verfügung stehenden hirnphysiologischen Methoden bestätigen - s. unter Berichte aus Forschung und Klinik 2)).

Bild rechts: Das Gemälde von A. Brouillet zeigt Charcot (hinter ihm sein Lieblingsschüler Joseph Babinski) bei der Demonstration eines Falles von "grande hysterie" vor einer ausgewählten Zuhörerschaft von Ärzten und Schriftstellern. Bei der Patientin handelt es sich um Blanche Wittman, einer berühmten Patientin Charcots ("la reine hystérique"), an der Charcot häufig die drei Stadien des Hypnotismus demonstrierte (Baudouin, 1925 3)).

Zwar haben diese Beobachtungen auch heute noch Bestand, doch seine Theorie der Hypnose ist falsch: Charcot untersuchte Hypnose nur bei einer kleinen Zahl von Hysterikerinnen, die er nie selbst hypnotisierte, er überließ dies seinen Assistenzärzten. Wie wir heute wissen, übernahmen die hysterischen Patientinnen Charcots eine Anzahl hypnotischer Verhaltensweisen, die sie zuvor in den Gesprächen der Ärzte "aufgeschnappt" hatten und später auch miteinander absprachen. Auf diese Weise unterlief Charcot der fatale Fehler, hysterische Symptome als hypnotisches Erscheinungsbild anzusehen und dabei den hypnotischen Zustand als einen krankhaften Zustand "wissenschaftlich" zu beschreiben. Allerdings wurde aufgrund der Autorität Charcots das Phänomen "Hypnose" in wissenschaftlichen Kreisen gesellschaftsfähig und als untersuchungswürdiges Phänomen ernst genommen.

Literatur:
1) Charot, J.M. (1890). Oeuvres Complètes. Lecon sure les maladies du Système nerveux, Bd.III. Paris : Progrès Medical, 299-359.
2) Hypnotische Phänomene und konversionsneurotische Störungen: Die gleiche hirnphysiologische Basis? Online-Dokument auf www.hypnose-kikh.de.
3) Baudouin, A. (1925). Quelques Souvenirs de La Salpetrière. Paris-Medical, 15, I, 23. Mai, No. 21, X-XIII.

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